TD124

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Nach der Schilderung des Baus einer Plattenwaschmaschine widme ich mich nun einem Schatz der analogen Musikwiedergabe: dem Plattenlaufwerk TD124 der Schweizer Präzisionsschmiede Thorens.

Ein Reibradler, eine Rumpelmaschine als Wiedergabegerät?? Mancher Freak rieb sich die Augen angesichts grosser Masselaufwerke, Direkttriebler, Magnetlager,………

Doch der Reihe nach – ich kam ja selber zu diesem Spieler, “wie die Jungfrau zum Kind”.

Auf der Suche nach einem 12 Zoll Tonarm stiess ich im Netz auf einen gut erhaltenen SME3012. Genau den suchte ich. Aber das Angebot hatte mehrere Haken:
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1. Haken

der Tonarm wurde nur mit Spieler verkauft.
Bei Sofortpreis rieb ich mir dann aber die Augen: der TD124 war zum Arm fast geschenkt, legte ich den aktuellen Marktpreis des SME3012 zugrunde.

2. Haken:
ich brauchte nur 100km fahren, alte Heimat……

3. Haken;
ich bot 100 € weniger an, und der Verkäufer akzeptierte es….

Soviel zu den Haken! 😉
Es wurde ein Glücksfall.

Schnell habe ich mich über den TD124 “schlau” gemacht, wusste wo Schwachstellen sein könnten und wo Handlungs- /Restaurierungsbedarf bestand.
Beim Abholen lauschte ich auf das Laufgeräusch und war angenehm überrascht: gar nicht so laut, wie oftmals beschrieben.
Sorgsam zerlegt ging es wieder auf die Heimreise und dann die Analyse:

Erst einmal das Positive:
– technisch für das Alter guter Zustand
– unglaublich robuste Mechanik
– ein Lager, wie ich es noch nicht gesehen hatte: 10mm, excellente Qualität, beachtliche Nachlaufzeit des Tellers
– der Tonarm sorgsam gepflegt, Schneidlager top in Schuss

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Dann der offensichtliche Restaurierungsbedarf:

– gruseliger Zustand der Zarge
– verbastelter Korpus
– keine Dämpfung unter Chassis
– ausgerissene Dämpfungsgummis der Druckgusszarge (Mushrooms)
– mässig rumpelndes Reibrad
– sanierungsbedürftige Gummis der Motorlagerung
– bei fehlender Musik hörbare Laufgeräusche
– ………..

Da ich einen weentlichen Teil der Ersatzteile in der Schweiz ordern musste (Mushrooms, Lagerungsgummi Motor, Lageröl, Dampfungswanne Reibrad) machte ich mich zu aller erst über die gruselig anzusehende Zarge her.
Man kann den gesamten Spieler an einem Stück herausheben, die Kabel entfernen und hat die nackte Zarge vor sich.
Problem:
die Aufnahme der Höhenverstellung musste exakt dem Original entspechend “getischlert werden”.

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Ich habe aus einem Hausabriss noch einen Stabel Mahagonistufen in meinem Holzlager, und die erschienen mir geeignet.
Ich habe die Stufe auf der Tischkreissäge in Streifen geschnitten und die Zarge der Originalzarge weitgehend angepasst.
So steht das 12 Zoll Originalbrett später über, und macht einen leichten Anschluss der Audiokabel möglich.

Besondere Herausforderung war das eigentlich tragende Oberbrett.
Es musste mit Schablone gefertigt werden, die ich unter http://vinylengine.com fand.
Laserdrucker, Kopierpapier und derartiges half mir, den Rahmen zu übertragen. Die Bohrungen der Aufnahme für die Mushrooms musste 100% passen.

Nach 2 Abenden Holzwerkstatt stand die neue Zarge.

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Ein erster Versuch des Einsetzens des Chassi zeigt, dass die Schablone perfekt war!! Puh!
Die Oberflache der Zarge wurde von Hand bis auf 200er Schleifpapier feingeschliffen, mit einer Schellackgrundierung aus dem Drechselbedarf zwei mal grundiert und beigeschliffen, um dann mit Hartwachs versiegelt zu werden. Mehrfaches Nachpolieren nach 48h machte ein wunderbares Finish.

Als Füsse habe ich 3M Material verwendet.

Provisorisch zusammengesetzt entschwand das Laufwerk bis zum Eintreffen der Ersatzteile in der Anlage……….

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Weiter geht es mit der technischen Revision.

Reibrad:

sicher ein wesentliches Bauteil, schwierig und teuer in der Ersatzbeschaffung, aber verantwortlich für Rumpel oder “Unrundlauf“. Meines erschien noch passabel, um eine verwegenen Versuch zu starten:

Gummi altert und versprödet, nicht nur bei solchen Laufwerken.
In der Druckerindustrie gibt es ein Spray, mit dem Walzen wieder hergerichtet werden und die Gummioberfläche ihre alte Geschmeidigkeit erhält.

Gedacht und getan:
über Nacht wurde das Reibrad mehrfach besprüht und das gute Zeug wirken lassen. Nach Abtrocknen habe ich es verbaut, und

seit dem höre ich den Spieler NICHT mehr.

Vielleicht hat auch das später nachgerüstete Öllager seinen Teil dazu beigetragen, aber die Aufarbeitung der Reibradoberfläche war einfach Klasse!!

Reibradlager:

da geht es dann morgen weiter……….

Klangeindruck:

An diesem Punkt war ich gar nicht sooo erwartungsvoll, da ich vom Reibradantrieb gegenüber einem Masselaufwerk relativ wenig erwartete.

Rumpeln und Vibrationen, sowie die Vorsicht bei der Verwendung von MC Systemen waren mir bekannt.

Ab ingesamt weit gefehlt:
noch nie habe ich einen Spieler gehört, wo die Musik so im Raum STEHT.
Das Biest läuft so was von stabil (ich meinte erst die Stroboskopanzeige sei defekt!!) und gerade aus, dass man es hört!
Ein bombenfestes Klangbild.

Am SME betreibe ich ein Dynavector 20X10, das wunderbar mit dem Arm harmoniert.
Musikalisch, fein auflösend und sehr konstant. So würde ich den Gesamteindruck beschreiben.

Mit einem Monosystem macht es dann besonders Spass.
Also: hier steht restauriert mein derzeitiger Liebling, mit dem ich sehr viel höre.

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