Revox B790 – Tangentialtonarm Spieler Revision

Ein unschönes westfälisches Sprichwort “……das Glück ist mit den Dummen”” ist das Einzige, was mir zum glücklichen Erwerb dieses Plattenspielers der Marke Revox B790 zunächst einfiel.
Glück, weil der Zustand prächtig war und der Preis noch prächtiger!!
Revox B790: entdeckt – gefahren – gekauft.
So schnell ging es noch nie!!
Aber bei dem Preis wusste ich, dass ich nicht zögern durfte.
Also einmal quer durch die Stadt, um von sehr netten(!!!) Vorbesitzern den defekten Spieler zu erwerben.

Vorbemerkung

Bisher beschränkt sich meine Erfahrung auf Drehtonarme der verschiedensten Formen. Die Vorteile des Tangentialtonarms sind bekannt, nur im Betrieb hatte ich noch nie einen…….

Revox und Plattenspieler? Auch das war Premiere, da ich bis dato um diese Produkte eher einen Bogen gemacht hatte.
Unbekannte Technik, wechselnde Meinungen zur musikalischen Qualität und Stabilität der Technik, der filigrane Stummelarm, die angebliche Schwierigkeit des Systemwechsels ……..

Also diesmal Premiere – und das angesichts des Preises ohne grosses Risiko, zumal der Verkäufer sich als sehr nett und bekennenden Revoxfan “herausstellte”.

Revox B790
….ein Bild aus der Verkaufsanzeige

In dieser Art bot er den Spieler an:

….der Anzeigentext….

Fair und ehrlich angeboten und den Preis entsprechend angepasst wechselte der Spieler den Besitzer.

Ausgangssituation

Bei der ersten Inaugenscheinnahme zeigten sich folgende Probleme:

Revox B790
…auf dem OP-Tisch
  • das Tonabnehmersystem war nicht messbar – also kein Widerstand über dem System (es sollten ca. 800 Ohm sein)
  • die Elektronik regelte die Geschwindigkeit permanent und bekam den Lauf nicht wirklich stabil
  • der Hauptschalter klemmte
  • verblassende 7-Segment-Anzeige
  • die Nextel-Lackierung begann zu kleben
  • ein Relais”klacken” beim Absenken des Tonarms war nicht hörbar
  • das verbaute System (AKG P-8E) “knallte” gefühlt auf die Testplatte, kein sanftes Absenken
Revision

Mit dem Zerlegen des Gerätes nach Servicemanual zeigten sich die typischen Themen, die dann systematisch abgearbeitet wurden:

Netzteil:

…Wechsel aller Elektrolytkondesatoren, der Gleichrichter und der PTC Widerstände

Interessant die Erweiterung (grünes Platinchen) der Netzteilschaltung am A7824. Dazu habe ich bisher keine Unterlagen gefunden.
Aber nach dem Tausch der Bauteile stimmten die Spannungswerte exakt.

Motorsteuerplatine:

……die Tantalskondesatoren waren jenseits ihrer besten Tage

Auch hier wurden alle Kondensatoren entfernt und mit Panasonic ersetzt. Die Trimmer habe ich belassen, um eine aufwändige Einmessprozedur zu vermeiden.
Dafür wurden alle IC’s gezogen, gereinigt und auf Oxidation der Beinchen geprüft (bekanntes Problem).

Ausserdem habe ich die Leistungstransistoren einmal professionell entlötet (JBC Entlötstation) und anschliessend neu verzinnt.

…..auf dem Kühlwinkel die 4 Leistungstransistoren

Und siehe da: nach dem Rückbau stand das Stroboskop wie die berühmte eins, kaum hörbare Regelvorgänge und ein blitzschnelles Umschalten der Geschwindigkeiten war möglich. Das hatte dem mächtigen Direktantrieb (EDS1000??) gut getan.
Die im Servicemanual dokumentierten Oszilloskopbilder waren – wie auch auf der Tonarmsteuerplatine – nachvollziehbar.
Und: die 7SA leuchtete wieder kräftig!!

Tonarmsteuerplatine:

….die Kondensatorausbeute und das leider defekte AKG-System

Neben den Kondensatoren lag das Augenmerk auf dem 24V Omronrelais, das im Signalweg liegt.
Die Funktion ist nach SM ein “Wegschalten” des Signals, bis der Tonarm auf der Platte abgesenkt ist.
Relais im Signalweg sind ja “so ein Ding”, und das fehlende Tonasignal aus der Anzeige hätte hier seine Ursache haben können.
Aber wie sollte das herauszufinden sein?

Schliesslich habe ich auf der Platine die Spannungsversorgungspunkte gesucht, und über ein Labornetzteil das Relais schalten lassen.
Das hatte den Vorteil, dass ich das Signal vom Cinchstecker bis zu den abgezogenen Tonarmkabeln verfolgen konnte.
Und das war alles einwandfrei in Ordnung?!?

Nach dem Tausch der Kondensatoren und Rückbau der Platine funktionierte das Relais dann auch einwandfrei, aber das System lieferte kein Signal

Tonabnehmeranalyse:

Das Problem des fehlenden Signals muss also am Tonabnehmer liegen. Der Ausbau ist etwas “lustig”, da der gesamte Spieler – nach Fixieren des Motors – auf den Kopf gestellt und der Tonarm gegen die Bedienungsrichtung ausgeschwenkt werden muss.

Hier zeigt sich auch die Filigranität der gesamten (genialen) Konstruktion. Leider habe ich im Eifer des Gefechtes keine Makroaufnahmen gemacht.
Schlussendlich zeigte das inzwischen ausgebaute System auf beiden Kanälen fehlenden Durchgang, es war hochohmig.

Das ist für ein Moving Ironsystem ungewöhnlich, aber ich musste es erst mal zur Kenntnis nehmen.
An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: KEINE MC Systeme auf Widerstand prüfen, der Messstrom kann die Spulen zerstören!!
Bei der Durchsicht des eigenen Bestandes habe ich ein (empfohlenes) Ortofon Vinylmaster Silber als Ersatz gefunden und verbaut.

Aber wie sollte es ohne das Originaljustagezubehör zu justieren sein?
Die Höhenmontage ging noch, hier die Empfehlung aus einem eigens erstellten Manual der Fa. Revox:

Wäre da nicht das Problem mit dem Messen der Auflagekraft??
Aber es gibt eine einfache Lösung:

im “Normalzustand” dreht sich der Teller samt aufgestellter Tonarmwaage sofort weg, wenn der Abnehmer abgesenkt wird.
Aber man kann die Tonarmkonstruktion des Revox B790 auch gegen die Uhrzeigerrichtung drehen, so dass die Tonarmwaage RECHTS ausserhalb des Spielers plaziert werden kann.
Dann stört der drehende Teller überhaupt nicht mehr. Und die Absenkfunktion des Tonabnehmers ist dennoch gewährleistet.
Der Revox B790 wird “ausgetrickst”.

Gesagt, getan und damit zeigte sich die Erklärung für das defekte System: die Auflagekraft war BIS ZUM ANSCHLAG auf 4,5 g verstellt.

Das dürfte auf Dauer das System mechanisch zerstört haben……. Schade.
Aber das VMsilver läuft auch gut, obgleich es etwas härter aufgehängt ist. Die Suche nach einem Original wird folgen……

Ergebnis

Nach dieser Revision war der Spieler wieder in einem optisch wie technisch einwandfreien Zustand. Erste Eindrücke an seinen Revox Partnern B251 bescheinigten einen sauberen Klang – und eine fabelhafte mechanische Spielwiese dieses Tangentialtonarms.

Die Kosten für die hier gezeigte Revision hielten sich in Grenzen und konnten aus dem Bestand bewerkstelligt werden.
Für Nachbauer hier einige zentrale Ersatzteile:

….Warenkorb der Fa. Reichelt bei Einzelteilbestellung Kosten von 4,70 € !!

 

….das Original gefunden auf ebay.co.uk

Tja, das war spannend und eine echte neue Erfahrung. Die B Serie ist damit übrigens beim Restaurator komplett. Am Ende noch einige Bildimpressionen:

…automatische Nadelreinigung
….kraftiger leuchtendes Display nach Kondensatortausch auf der Motorplatine
…..alt und alt gesellt sich gern (Linetrack und Decca)

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