Tandberg TD20A – die Schöne aus dem Norden

Tandberg TD20A

Stets auf der Suche nach günstigen Gelegenheiten bot mir mein Gebrauchthändler des Vertrauens für sehr wenig Geld eine 27 cm Bandmaschine an, die zu ihrer Hochzeit mit der ASC6000 und der Revox B77 konkurierte.
Ein Tandberg TD20A hat einige Besonderheiten, die sie von den Konkurentinnen abhebt. Deshalb habe ich dieses mal “zugeschlagen” und eine Tandberg TD20A aus Erstbesitz in den Kofferraum gepackt.

Einleitung

Als begeisterter ASC6000 Fan tauchte bei Recherchen zum Thema immer die Tandberg TD20A auf.

die Kühle aus dem Norden
…die erworbene Maschine

Wechselnde Beurteilungen, die mächtige Revox/Studer Konkurrenz und die für mich seinerzeitige “Unverfügbarkeit” liessen sie aber immer wieder in den Hintergrund treten.
Was ging aus Berichten der Maschine voraus?

– sie galt ohne Rauschreduziersystem als die rauschärmste Maschine auf dem Markt
– das Umspulverhalten und die Bandführung genoss eine sehr guten Ruf
– die Art, die Bandführungsrolle “anzuschmiegen” war Alleinstellungsmerkmal
klanglich wurde sie – trotz schlechterer Messwerte – im Heimrecording der Revox öfter vorgezogen
– der Bias liess sich von aussen einstellen
– das Design ist nordisch kühl, aber meines Erachtens zeitlos

Ausgangszustand

Nach dem Kauf der Maschine, die als defekt angeboten war und aus erster Hand stammte, war nach Auflegen eines Testbandes folgende Ausgangssituation:

Tandberg TD20A normalspeed
….vor der Operation der Maschine…

Angebotstext im Netz
Die Maschine haben wir mit anderen Komponenten aus einem Nachlass erhalten. Die Maschine wurde viele Jahre nicht genutzt und muß auf jeden Fall überholt werden. Ein kurzer Funktionstest hatte folgendes Ergebnis: Gerät lässt sich einschalten (Beleuchtung funktioniert). Abspielvorgang startet nur mit Hilfe (mit der Hand anschieben). Dann lief das Gerät zumindest (Pegel schlugen auch aus und Zählwerk lief auch) Zur Qualität können wir nichts sagen, da wir keine anderen Komponenten angeschlossen haben. Spulfunktionen funktionierten nicht. Die Maschine wird ausdrücklich als überholungsbedürftiges Bastlergerät angeboten! Optisch befindet sich das Gerät, gemessen am Alter, in gutem Gebrauchtzustand mit nur geringen Gebrauchsspuren.

  • schwergängige Potis und Schalter, z.T. mit Funktionsausfall
  • klemmender Ein/Ausschalter, klemmende Geschwindigkeitsumschaltung
  • Kanalausfall links HINTER dem Anzeigeinstrument (Schalter oder audioamplifier)
  •  erheblich korrodierte Feintrimmer auf dem Audioboard und überalterte Elkos (ca. 80 Stück)
  •  defekte Biasregler (Kleinpotis)
  •  überalterte Elko’s in der Netzteilsektion (24V und 5V)
  •  verharzte Mechanik im Andruckrollenbereich
  •  trockenes Sinterlager der Capstanmasse
  •  vermutlich erschöpfte Motorelkos (werde ich nach Überholen der Elektronik mir vorknöpfen)
  •  Brems- und Zugwerte der Bandmechanik etwas unter Soll (als Folge der alten Motorelkos)
    – ……..

Überrascht war ich beim Probelauf, mit welcher Sanftheit das Band behandelt wird. Es erinnerte mich stark an das Wickelverhalten meiner Diva, der ASC6000.

Zerlegen

Hier ist das erste Umdenken angesagt. Der massive Träger der Maschine sitzt in einem edel anmutenden Holzgehäuse und muss zur Aushausung KOPFSTEHEND ausgebaut werden.
Eine noch vorhandene Skizze auf der Rückseite wies darauf hin.

Ist die Maschine einmal aus dem Holzgehäuse demontiert, geht es etwas leichter voran.
Aber obacht: statt Kreuzschlitzschrauben werden Aussensechskant Blechschrauben an den meisten Stellen verwendet (5er Steckschlüssel).

Das weitere Öffnen geht selbsredend, alle empfindlichen Teile werden beiseite gestellt.

Die Demontage der riesigen Platinen ist trickig. Diesmal habe ich mich an den Rat gehalten, und habe die Maschine nicht komplett zerlegt, sondern Baueinheit für Baueinheit (siehe unten).

Die grossen Platinen lassen sich leichter ausbauen, wenn man den unteren teil des Metallträgers seitlich lockert oder löst (im KOPFSTEHENDEN Zustand).

Platinenseitig handelt es sich um:

  • Netzteil und Logikplatine (obere grosse Platine/grosser goldener Elko)
  • Audioplatine (untere grosse Platine mit Einstell”löchern” von der Lötseite)
  • Wiedergabeverstärker
  • Kleinnetzteil/Triac (orangefarbene Elkos)
  • Outputregler und Schalter
  • Motorkondensatoren

Einige Impressionen der Öffnungssituation….

Tandberg TD20A Riemenscheibe Capstan
…Capstandriemenscheibe und Schwungmasse auf der Frontseite…
TD20A Innenleben Rückseite
….mächtige Wickelmotoren und Lüfterrad auf Capstanmotor…
Tandberg TD20A Wiedergabeverstärker
…..Wiedergabeverstärker…
Mischpult
….Mischpultartige Aufnahmesteuerung
Tandberg TD20A Lüfterrad
….der Zahn der Zeit: Staub!!! …
Tandberg TD20A Servo Getriebe Endschalter
….der Servomotor, der die Bandandrucksrolle steuert (Vorderseite)…
Tandberg TD20A VU
…grosse Aussteuerungsinstrumente…
Optische Aufarbeitung

Hier kamen wieder alle Tricks und Reinigungsmittel zum Zug, über die der Hifi-Restaurator verfügt – bis hin zum Wiener Kalk……

Die Frontplatte war excellent erhalten, die Knöpfe und andere Bedienelemente wanderten ins Ultraschallbad.
Aber Vorsicht: die Kipphebel sind sehr empfindlich, was “Anlaufen” betrifft.

Tandberg TD20A Kopfträger VU Meter
….gesäubert und auf Hochglanz… Das wird ganz hübsch
Elektronische Aufarbeitung

Das ist das grössere Thema und braucht Zeit und Neubeschaffung von Bauteilen. Im wesentlichen sind es. -wie immer – Elkos, Folien an kritischen Stellen, Trimmer und Entstörkondensatoren, die “dran sind”.

Wer der Meinung ist, Halbleiter zu tauschen, hier ist die “Austauschtabelle” aus dem Hififorum:

….einem längeren thread des hififorums entnommen… Danke Christian!!

Bei der Aufarbeitung bin ich in der Reihenfolge Netzteil – Netzteil klein – Audio – Wiedergabeverstärker vorgegangen und habe immer wieder nach Rückbau die Funktion getestet.

defekte Kondensatoren
…Abfall auf halber Strecke…

Netzteil und Logikplatine

Auf der grossen Netzteilplatine gibt es einiges zu beachten:

  • es sind zwei Spannungsregler seitlich verbaut, die den Ground-Anschluss über das (kühlende) Gehäuse beziehen.
    Deshalb muss nach Rückbau ZWINGEND der Groundanschluss der Platine gegen Gehäuse wieder hergestellt werden. Ansonsten droht ein grosses Halbleitersterben incl. Mikrokontroller!!!

    Tandberg TD20A Logikboard Masse Ground
    ….überlebenswichtige Massefahne! Sonst hängen die Spannungsregler in der “Luft” und das board wird zerstört
  • die Platine ist robust, allerdings stinkt die Isolationschicht auf der Lötseite erbärmlich, wenn man auslötet
  • die Steckanschlüsse sind sauber und überichtlich geführt
  • eine fotografische Dokumentation ist immer hilfreich, bevor es an die Prüfung und den Rückbau geht
  • einen Tausch der Halbleiter habe ich (erst mal) gelassen, die IC’s zu sockeln kann Sinn machen
  • die Sicherungshalter bei Anlaufen tauschen!!
Tandberg TD20A Netzteil
…Elkos von stehender Montage auf liegend “umgewandelt”. Der goldene Elko war noch fit!!
……bis er nach einigen Stunden Betrieb “aufgab”…….

 

Die Audioplatine

Hier wartet eine Menge Arbeit. Nach Auslöten hat sich folgende Liste ergeben, die ich ohne Garantie hier zeige:

Elko (in höherer Spannungsfestigkeit der Fa. Panasonic in 105 Grad Ausführung)

5 x 1uF/63V
3 x 4.7uF/63
28 x 22uF/63
22 x 2.2uF/63V

Trimmer (Kermet liegend)
10kOhm
100kOhm
47kOhm
4k7Ohm
2.2kOhm
……..
Näheres dem Stromlaufplan entnehmen

….das Zentrum der Audioplatine….
Tndberg TD20A Audioboard
….die gelben 2.2uF werden noch getauscht, sonst frische Panasonic

Die Halbleiter habe ich belassen, da die Defekte in der Verstärkung des linken Kanals durch die Schalter und Potis im Signalweg bedingt waren

Nach dem Rückbau verabschiedete sich ein Kondensator (1uF/63V) mit Feuerwerk. Ursache: fehlerhafter Bestückungsdruck und nicht im Stromlaufplan gegenkontrolliert.

Aber das war auch alles.

Vor Inbetriebnahme habe ich sicherheitshalber alle Werte der Trimmereinstellungen notiert. Wer weiss……

Mechanische Reparaturen

Hier gilt es sorgfältig zu prüfen und in Ruhe vorzugehen. Die Verwendung von Kontaktsprays ist abzuwägen, öffnen musste ich keinen der Schalter.

Um die Funktion zu prüfen, habe ich mit einem guten Widerstandsmessgerät die Schaltposition AUF DER PLATINE geprüft, und war überrascht, an etlichen Stellen hochohmige Schalter zu finden……..
Auch Potentiometer waren betroffen, aber es liess sich alles beheben und war dann messtechnisch und schaltungstechnisch wieder okay.

Die Einstellung der wesentlichen mechanischen Parameter nach Servicemanual nahm ich erst nach Tausch der Motorkondensatoren vor, da sie den Bandzug beeinflussen.
Die Bremsen mussten nicht nachgestellt werden, aber als Hilfe wieder 2 Skizzen aus dem Hifi-Forum im Zusammenhang mit Abbildungen aus dem Servicemanual der Tandberg TD20A:

Tandberg TD20A Bremse Justage Tandberg TD20A Bremse brake

 

Zusammenbau

Der Rückbau ist im Vergleich zu dem ungewohnten Ausbau ein Kinderspiel und macht Spass – sofern man vorher die Position der Stecker dokumentiert hatte.

Wichtig: die Metall-Nase für die Ausgangspegelplatine wieder zurückdrücken!!

Wichtig 2: den Massenanschluss über Kondensator gegen Gehäuse der Audioplatine nicht vergessen.

….ein kleiner Trick, damit die Frontblende ohne lautes schimpfen wieder aufzusetzen war…
Einmessen

Im Holz-Gehäuse ist eine unscheinbare Skizze eingeklebt, aus der die Position der verschiedenen Trimmer VON DER UNTERSEITE betrifft. Ein sehr hilfreiches nettes feature der Tandberg TD20A.

Und: es sind ganz dezent Bohrungen im Holz für die Wiedergabe- und Aufnahmeverstärker gelassen, so dass man mit einem längeren Trimmschraubendreher ohne Verrenkungen exakt diese beiden Gruppen einstellen kann.

Gleiches gilt für die Bias Einstellung von der Front aus. Super praktisch!!

Es mussten lediglich die VU Meter auf 1.5V Ausgangsspannung abgeglichen werden (0dB). Dabei den main-output-Regler auch auf odB stellen. Dann macht es alles einfacher.
In gleicher Weise musste der Playbackpegel noch etwas nachkorrigiert werden.
Der Rest passte wie vor Urzeiten eingestellt.

Ergebnis

Sowohl mit der technischen als auch optischen Seite bin ich echt zufrieden. Die dezente Auftrittsart der Maschine gefälllt mir. Deshalb die Schöne aus dem Norden.

Klangeindruck

Nun, das ist immer subjektiv. Aber einige Dinge kann ich konstatieren, nachdem ich ein auf einer Studer A810 gemastertes Band aufgelegt habe:

  • das bekannte geringe Rauschen
  • dynamische Wiedergabe über Kopfhörer
  • musikalisch an der Anlage
  • tolles Wickel/Brems/Umspulverhalten
  • summa summarum: eine feine neue Maschine in der Sammlung!!

Und nach dem Einmessen von LPR35 auf die Maschine: 19cm/sek Vor-/Hinterband kein hörbarer Unterschied; bei 9.5cm/sek diskreter Höhenabfall und Anstieg des Rauschens.

Aber: alles auf top Niveau!!

Quellennachweis

hifi-forum Aufarbeitung durch Kenner

HiFi Wiki

 

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