Fehler, Irrtümer und Lerneffekte

Vielleicht etwas ungewöhnlich, dieser Titel, aber Fehler sind dazu da, etwas daraus zu lernen.
Deshalb habe ich auch keine Problem damit, in diesem Themenfeld “HiFi-Vintage-Restauration-DIY” über die eigenen gemachten Fehler zu reden. Schliesslich könnten andere daraus lernen…..

Fehler Nr. 1:
Ungeduld:
Geduld ist nicht meine grosse Stärke, aber ich habe dazu gelernt.
Was habe ich nicht alles im Eifer des Gefechtes “kaputt” gemacht, mich geärgert, voreilige Schlüsse gezogen, etwas in die Ecke geworfen, wo eigentlich ein guter Ansatz war.
Da tuen Freunde gut, die einen auf den Teppich holen.
Und besonders solche, die von Natur aus mit Geduld gesegnet sind.
Heute lasse ich mir Zeit.

…die Einmessprozedur: parallel Ruhestrom und Offset


Wenn ein Problem nicht zu lösen ist, schlafe ich eine Nacht darüber.
Wenn ich dann immer noch nicht weiter komme, frage ich die, die es besser können!!
Klappt es dann immer noch nicht, fängt die Diskussion und der Gedankenaustausch erst richtig an!
Also: Geduld kann man lernen – auch wenn es nicht die persönliche Gabe ist!!
Erreiche ich dann das Ziel – ein tolles Erlebnis!!

…der gute uralte EMT930st

Fehler Nr. 2:
Fremdmeinung, statt sich eine eigene zu bilden
Na klar, jeder kennt Sie: die Zeitschriften mit den “Testberichten”, die Bestenlisten, das Beschwören der unbedingt nötigen Komponente……..
Bis Dir jemand über den Weg läuft und erklärt, dass Beteuerungen von Berichten nicht das eigene Hören ersetzen können. Die persönlichen Höreindrücke sind das Entscheidenende.
So kam in einem verblindeten Hörtest ein Mikrofonvorverstärker der 2000 Dollarklasse ganz schlecht weg und gewonnen hat nur durch kritisches Hören von 20 empfindlichen Ohrpaaren eine 5 Euro-Schaltung!! Und das bei professioneller Hörerschaft!
Wohl dem, der solche Freunde hat.
Das Hören von Musik über eine gute Anlage ist und bleibt ein subjektives und höchst persönliches Erleben!
Na klar hilft es, die fremde Anlage zu hören, im Geschäft seines Vertrauens die Wunschkomponenten zu hören,……..
Aber bitte nicht reinreden lassen!!
Du hörst in Deiner Umgebung mit Deinen Musikquellen Deine Musik. Und wenn Du damit glücklich und zufrieden bist: bleib dabei!!

Fehler Nr. 3:
Versuch macht klug – oder: nicht immer ist das Teuerste das Beste
Gerne erinnere ich mich an die ersten Bilder eines Reibradlers (Garrard) von unten.
“Wer hört mit so einem Schrott?” war mein erster überheblicher Gedanke.
Schliesslich hatte ich ein teures Masselaufwerk stehen….

EL3N DSC8999
…die mühsam erarbeitete Motordose eines ehemaligen Masselaufwerks


Andererseits machte ich immer häufiger die Erfahrung, dass Technik von “anno dunnemals” nicht die schlechteste ist und auch die sogenannten alten Aufnahmen einen besonderen Charme haben (Stichwort Eterna oder RCA – living stereo).
Also Augen auf und ran an die alten Schätzchen.
Wie oft bin eines Besseren belehrt worden und musste ziemlich andächtig vor der Ingineursleistung des letzten Jahrhunderts den Hut ziehen – so auch vor den Garrardspielern?
Aber ich hätte diese Erfahrung nicht gemacht, wenn ich es nicht selber ausprobiert hätte oder es bei Freunden auf mich hätte wirken lassen.
Und am Beispiel des Garrard:
der Reibradler entwickelt einen Wiedergabe-Charme, den ich bei Masselaufwerken und Riementriebler bisher nicht gefunden habe.

Fehler Nr. 4:
Unterschätzen der Raumakustik
Auch hier ein Schlüsselerlebnis:
beim Besuch zweier Freundes mit hochkarätiger Hörerfahrung und langer Selbstbaugeschichte blieb mir der Mund offen stehen, als ich meine Musik bei diesen Freunden in deren Räumlichkeit hörte…..
Irritiert hatte ich bei bei Freund Nr.1 (ich nenne ihn mal so) die ungewöhnliche Architektur des Raumes wahrgenommen.
Holzhaus, Teppichbelag, die Lautsprecher mitten im Raum, der Raum bis zur Firstfette offen. Er hatte bei Plaung seines Hauses die Hör-gesetzmässigkeiten mit eingeplant.…..
Freund Nr. 2
hatte Unmengen von Rockwoolpaketen in seinem grossen Wohnzimmer stehen, abenteuerlich wirkende Absorber an den Wänden und Decke und Diffusoren hinter den Lautsprechern.
Aber der Klang und die räumliche Wirkung? So hatte ich Musik noch nie gehört!
Beide verband – aus völlig unterschiedlichen HiFi Welten kommend – die Einsicht: der Raum macht den Klang!! Und das in einem Masse, dass es manchmal unbequem wird.

..der Diffusor…

Leichter ist es, mal eben eine elektronische Komponente zu tauschen, weil sich ja dahinter das Heil des hiFi-Hörers verbirgt.
Raumakustik ist etwas für Spinner!!
Weit gefehlt:
der Bau des Aktivabsorbers, das Beschäftigen mit Raumakustik, der Bau von Diffusoren für kleines Geld, das Positionieren von Basskomponenten in Anlehnung an akustische Gesetze, hat mehr gebracht als das Umsteigen von der “billigeren” zum “teureren” Endstufe.
Hier liegt so viel Potential brach, das es eigentlich ein Witz ist, mit wie wenig finanziellen Aufwand so unendlich viel mehr zu erreichen ist.

Fehler Nr. 5:
Freundschaft mit Mithörenden fördert, Alleinkämpfersein macht eher unglücklich
Hören Sie alleine, oder tauschen Sie sich immer wieder mal aus? Für mich ist das Betreiben des Hobbys immer auch eine Plattform der zwischenmenschlichen Begegnung.

quad rahmen DSC9463
….ein einsamer Quad ESL Lautsprecher


Na klar habe ich eine Technikaffinität, deshalb ja auch gerade dieses Hobby. Aus einer Elektriker- und Programmierfamilie kommend (der berühmte blaue Riese) spüre ich die “genetische Anlage”.
Vorsichtig werde ich aber, wenn es zum Selbstzweck wird. Basteln um des Basteln willens?
Nein!!
Es geht um Musik in ihrer unendlichen Vielfalt und Schattierung.
Es geht um das Miteinander hören, um den Austausch über Wirkung von Musik, über Lebensgeschichten und Schicksale, die in Musikern stecken, um die Hochachtung vor Komposition, Intuition, Interpretation.
Die schönen Erlebnisse sind das Entstehen langjähriger, treuer Freundschaften, die mittlerweile weit über das reine Hobby hinausgehen.
Einsam Musik hören, und es nicht teilen? Das kann und will ich nicht….

Fehler Nr. 6:
Investition in “hardware” statt in Musikträger
Einer meiner wertgeschätzten älteren Freunde nahm mich – angesichts einer Diskussion um Gerätschaften – einmal beiseite und sagte sinngemäss:
eine der ältesten Platten der Deutschen Grammophon Gesellschaft in meiner Sammlung“…….vergiss nicht, Dich um die wirklich guten Musikträger zu kümmern. Noch sind sie erhältlich, aber wer weiss, wie lange noch bezahlbar.”
Dieser freundschaftlich gemeinte Rat ist bis heute hängen geblieben, und ich rechne den Preis gekaufter oder selbstgebauter Geräte nicht mehr in Euro sondern in der geschätzten Anzahl an Platten oder CD’s (ja auch die sind prima!!).
Versuchen Sie das auch mal, ein gewiss ernüchterndes Experiment….
Das hat das “Austauschen” oder Verbessern von Technikkomponenten deutlich gebremst, eher schaue ich geduldig nach guten Aufnahmen und erfreue mich an dem “Schnäppchen” und dem Klang der eigenen Anlage.
Und noch ein Wort zu Technik:
wenn ich ab und zu mal die Messe der “HiFi Wahnsinnigen” (bin ja selber einer) besuche, dann erinnert es mich doch sehr an des Kaisers neue Kleider (G.Keller). Sprich: neues Gewand aber bekanntes Innenleben.
Es hat sich technisch – bis auf wenige Ausnahmen – nichts wirklich revolutionäres im Röhrensektor oder auf dem Transistorfeld oder im mechanischen bewegt, das sich klanglich als Revolution beschreiben liesse. Aber es will Geld damit verdient werden…….

Fehler Nr. 7:
auch HiFi macht letzten Endes nicht glücklich!
Jetzt wird es ein bisschen philosophisch. Wir alle jagen dem Gefühl des Glücks, des Wertgeschätztsein, des Geliebtsein und manch anderem nach.
Das ist gut so und auch vollkommen korrekt.
Aber HiFi und Musik können das – nicht annähernd – “füllen”. Würde ich das erwarten, wäre ich auf spiegelglatten Eis unterwegs.
Nein, es ist ein faszinierends und inspirierendes Hobby, aber nicht der Schlüssel zum Glück.
Den müssen wir woanders suchen.
Wie, das bleibt jedem selber überlassen!!