Studer A810 VU-Replika

Seit ca. 10 Jahren besitze ich eine günstig erworbene Studer A810, die jedoch keine VU Einheit besitzt. Und eine ‚Studer A810 VU‘ ist eigentlich das Ziel gewesen – zumal nicht stets ein wertiges Mischpult in Studionorm zur Hand ist.

Aber der Markt/Nachbaumarkt gibt zu angemessenen Preisen keine VU Einheiten her. Den Kaufpreis wollte ich nicht noch einmal bezahlen, zumal der Blick in den Stromlaufplan materialmässig keine Riesenaufgabe darstellt, und die eigentlich VU Meter von Sifam mit leicht geänderten Layout aber exakt gleichen Abmessungen und technisch sehr ähnlichen Daten immer noch verfügbar sind.
Oder man verwendet die VU Meter aus einer A800, wie sie immer noch als ‚Ausschlachtware‘ regelmässig angeboten werden.

Studer A810 Sifam VU Meter
Studer A810 Sifam VU Meter in exakt gleichen Abmessungen

Nach der Erfahrung mit dem Erweiterungsumbau der Studer A807 war die Entscheidung klar:
der Versuch der Studer A810 VU wird unternommen.
Eines der Ziele war definiert: optisch möglichst nahe am Original!

Einleitung

Studer baute seinerzeit die A810 in verschiedenen Versionen – und die VU-Version stellte eher die Ausnahme dar, da die Maschine für das Studio entworfen und gebaut war.

Der Blick in die Unterlagen der Maschine zeigt aber, dass alle Voraussetzungen für den Einbau von 2 der Studer A810 VU Einheiten bereits in der Standardmaschine vorgesehen ist, und letztlich über
2 Kabelstränge (logik Strang und Signalstrang)
 realisiert wird.

Im Prinzip funktioniert die Signalführung so, dass die ‚line amp‘ Karten durch mechanisches Umschalten/Jumpern des Ausiosignals entweder das Record-Signal oder das Repro-Signal(linesignal ausschleift und an die VU Einheit übergibt.
Die cal/uncal Schalter leiten das Signal wieder zum lineamp zurück.

Die VU Einheit besteht elektrisch aus drei Teilen:
channel control pcb (Tasteinheit für die Betriebszustände in senkrechter Anordnung links)
calibration pcb zum cal/uncal Betrieb der VU Einheit (waagerechte Anordnung und rote Schalter/gelbe LED)
VU Amplifier pcb als eigentliche Verstärkereinheit für das VU Meter inclusive Umschaltmöglichkeit auf ppm Betrieb

Elektronik

die channel control pcb ist in den meisten Maschinen vorhanden und kann mit 2 Schrauben von der Trägerplatte gelöst werden.
Also mussten ’nur‘ das calibration board und das amplifier board neu entworfen werden.
Da kein Original vorlag, musste an Hand von Bildern aus dem Netz und dem Servicemanual elektronisch rekonstruiert werden.

Das Amplifier board wurde der Einfachheit halber teilweise in SMD Technik ausgeführt, technisch aber 1:1 dem Original entsprechend. Der Eingangsübertrager wurde problemlos durch einen 1:1 Bourns-Übertrager mit 600Ohm Impedanz ersetzt, ein obsoleter 2N Typ durch einen BFA245 ersetzt.
Ansonsten ist alles vom Original übertragen. Es handelt sich quasi um eine 1:1 Kopie in moderner Technik

A810 VU Unit
senkrecht stehend das Amplifier board, auf der Rückseite befinden sich SMD Bauteile!
Rückseite mit Trimpotis, Stecker(!!) für das VU Meter, Jumper für das Umstecken auf ppm-Betrieb

Das calibration board ist komplett diskret aufgebaut und entspricht dem original.

Optik
Studer A810 Servicemanual
Ausschnitt aus dem Studer A810 Servicemanual

„Das Auge hört mit……“- sprich, der Blick auf die Maschine ist für den Einen oder Anderen doch ein Teil des Musikgenusses.
Also musste die Replika dem Original sehr ähnlich werden!
Welche Teile bestimmen neben dem VU Meter die Optik?

– die Taster/Schalter in Farbe und Form
– die LED Farbe
– die Beschriftung
– die Drehknöpfe
– die Anordnung der Elemente zueinander

Bei den Tastern konnte – bis auf die roten Schadow-Schalter – auf Originale zurückgegriffen werden.
Die modernen LED sind etwas heller, können aber durch Änderung des Vorwiderstandes angeglichen werden.
Die Beschriftung ist eine Studer eigene serifenlose ‚Technik-Schrift‘, die durch gängige Schriftarten ersetzt wurde (Helvetica).
Die Drehknöpfe werden aktuell immer noch gefertigt und sind mit etwas Sucharbeit beziehbar, ebenso der unterlegte Skalenring

Mechanik

Sie stellte die grösste Herausforderung dar, zumal das eigentliche VU Meter, das amp-board und das calibration-board mechanisch miteinander verzahnt sind.

Es wurden aus Aludibond einige Prototypen gefräst, bis alles passte.

Probeliegen eines Dibond Modells aus der Restekiste
….die Verzahnung von 3 Baugruppen mit einem VU Meter aus einer A800 Einheit
….fünf Gewindebolzen auf der Rückseite fixieren die Platinen passgenau

Nachdem alles optisch und funktional passte, wurde die finale Abdeckung mit Hilfe des frontdesigners der Firma Schaeffer in Berlin entworfen und auch dort gefertigt.
Besonderheit: die Firma Schaeffer bietet an, Gewindebolzen stabil in einer 2mm Aluplatte zu verbauen.
Diese 3mm Gewindebolzen sind unabdingbar zur Befestigung der ‚channel command unit‘ und des ‚calibration-boards‘.

Schaffer AG Frontplatte nach eigenen Vorgaben

Selbst das Biegen der unteren Kante wäre möglich gewesen  -das hat der Autor aber erst nach der Bestellung bemerkt…….
Die Ausführung ist wie immer excellent durchgeführt, passgenau und vorbildlich beschriftet!

Einbau

Bevor es an den Einbau geht, muss die Audio-Signalführung verkabelt werden. Für die Konfektionierung ist das genaue Studium des Servicemanuals von Nöten, um die Steckerbelegung korrekt nachzubilden.


Als Tip:
blaue Litzen entsprechen im Original der SIGNALZUFÜHRUNG, schwarze Litzen der SIGNALRÜCKFÜHRUNG. Das Ganze in geschirmten Kabeln(screen). Das Kabel sollte hochflexibel und möglichst schlank sein (Sommer cable)

Die Aufnahme des Steckers in der Maschine ist im 2.50 Rastermass realisiert. Deshalb wurde ein Steckertyp in gleichem Mass händisch konfektioniert und mit Steck-Pins versehen (Molex).

3 x3 macht 9 Pin’s -wie im original. Rot = line Pegel, Blau = Repropegel, Schwarz = Recordpegel
…fertige Kabelkonfektionierung: blau = Logikteil von der Channelunit, schwarz = Audiosignal vom line-Amp
Verbindung der stromführenden Leitungen oben links (+-15V, +5.6V, 0 Potental) über STECKER!

Die zweite Herausforderung ist die Anpassung eines Aluwinkels, der die ‚calibration-pcb‘ trägt (silbernes Arbeitsteil in obigen Bild).
2 Führungsbolzen stellen die Führung da, die Potentiometer fixieren den Träger gegen die Frontplatte. Die Platine mit den Druckschaltern ist damit bombenfest!

Studer A810 VU Replika
….die fertig zusammengefügte und einbaufertige VU Einheit
…Aufnahme der konfektionierten Stecker in das mainboard
Ergebnis

Nach dem ‚Umjumpern‘ des line-Amp Verstärkers nach SM Sektion 4-45, Anschluss der beiden Kabelstränge auf dem mainboard der spannende Augenblick: alles läuft!!

Mit einem Signalgenerator erfolgt der Abgleich des VU Meter (trimmer am Eingang des ersten OP-Amp) bzw. des Studiopegels (trimmer am letzten OP Amp vor der ppm-Brücke), wie im Servicemanual beschrieben.

Also ist das Ziel technisch und optisch ansprechend umgesetzt.

Und ein Letztes:
die Kosten betragen für

2 VU Meter ca. 160€
hochwertige Potentiometer(Vishay) und Drehknöpfe ca. 50€
Schaeffer Fronten 170€
Elektronik Komponenten 40€

400€ für 2 VU Einheiten sind nicht wenig, aber machen dennoch ’nur‘ 20% des marktüblichen Preises aus und sind meines Erachtens optisch gefälliger.

Nebeneffekt des Nachbaus:
ein viel besseres Verständnis für die Funktionsweise der Studer A810!!