Ein sehr nerviger Fehler kann sich bei der Studer A810 einstellen:
der rechte Kanal fällt im Wiedergabebetrieb aus. Neben der persönlichen Erfahrung bietet das Internet zahlreiche weitere Berichte, die zum Teil ungelöst blieben…
Was hinter dem Studer A810 Kanalausfall stecken kann, soll dieser Beitrag zeigen.
Um es vorweg zu nehmen: ohne zahlreicher Ratgeber aus dem Tonbandforum wäre ich der Sache vermutlich nicht auf die Spur gekommen.
Aber der Reihe nach – und neben der Fehlerbehebung erfolgt gleich im Schnelldurchgang die Erklärung der Funktionsweise der Wiedergabeoptionen dieser feinen Maschine.
Vorgeschichte
Auf Grund ermüdeter Netzteil und Motorkondensatoren habe ich die Maschine einer gründlichen Revision unterzogen. Sie spulte nicht mehr vernünftig und quälte sich mit 27er Wickeln ohne Ende.
Und in gleichem Zug erfolgte die Umrüstung mit einem Nachbau der VU-Einheit.

Letzten Endes begann damit eine Odyssee über mehrere Wochen, bis der Fehler endgültig lokalisiert werden konnte.
Symptome
Führt man die Einmessprozedur der Maschine nach Servicemanual (SM) durch, scheint erst einmal alles zu klappen. Der linepegel wird in der Stellung rec auf Betriebspegel eingestellt (Potentiometer auf dem lineamp).
Anschliessend erfolgt das Umschalten auf repro und Auflegen des Pegelbezugsbandes. Und dann beginnt das Drama:
der Studer A810 Kanalausfall äußert sich in einem Pegelverlust des rechten Kanals zwischen -10 und -20dB und lässt sich durch Anheben des line-Pegels über den Peripheriekontroller NICHT BEHEBEN.
Auch ein Seitentausch der Audiokarten wird den Fehler unbeeindruckt lassen!!!!
Aber wo mit der Suche beginnen?
Technischer Background
Auf den Karten der Maschine sitzen zahlreiche digitale, mechanische und sonstige Schalter, die für den Betrieb konfiguriert werden müssen.
Digitale Schalter, da auf der Maschine alle Aufnahme- und Wiedergabeparameter digital gespeichert und abgearbeitet werden.
Um es abzukürzen:
anfängliche Verdachtsmomente, in der Logik-/Digitalebene zu suchen, waren nicht zielführend.
Aber wo dann?
Es geht um eine systematische Suche mit dem Multimeter/Oszilloskop und dem Servicemanual.
Das Wiedergabesignal wird auf folgenden Weg vom Tonkopf zum Lineausgang ‚geschickt‘:
Preamp im Kopfträger -> Eingang des Repro-Amp (pin 5/6) -> Digitalschaltung des DA Wandlers (Pegel) auf der Reproampkarte -> Ausgabe über pin10/1 -> lineamp Karte Input (Pin 11/10) -> digitale-Pegelverarbeitung -> Ausgabe auf VU-Einheit und line out.
Praktische Vorgehensweise
Nach Auflegen und Start des Messbandes mit 1000 Hz und 0 dB Pegel kann auf der Rückseite der Maschine nach Abnahme des unteren und oberen Blechs gemessen werden.
Man muss nur die Pin-Nummern von oben nach unten durchzählen und mit dem SM abstimmen.

Das vom Tonkopf erzeugte Signal wird auf die Eingangspins 6/7 der Reproampkarte geschickt:
ChI (intakt): 30mV Ac
CHII (defekt): 28mV Ac
Damit ist der im Headblock verbaute Preamp aussen vor. Er liefert korrekte Signalspannungen, also Abweichungen innerhalb der Toleranz
Dann den Ausgang der Reproamp-Karte Pin 10/1

Zunächst die Messwerte:
ChI (intakt): 420mV Ac
CHII (defekt): 41mV Ac (!!!!)
Das sind die -20dB, die man ‚hört‘.
Jetzt die Frage, ob der Fehler auf der Karte oder um die Karte herum liegt?
Einfach testen:
mittels des Peripheriemoduls kann der line-Pegel von 0-255 durchgestimmt werden.
Funktioniert dies (mit Kopfhörer kontrollierbar), so liegt der Defekt ausserhalb der Karte.
Aber wo??
Noch einmal zu dem Bild oben:
verfolgt man die Leiterbahn vom Pin 10 ausgehend, so teilt sich die Bahn in der Mitte zu Pin11 der lineamp Karte.
Diese Leiterbahn zieht nach oben an der Sternmarkierung vorbei auf den Pin 11 der M/S Karte (die bei mir nicht verbaut ist).
Nun wird der aufmerksame Leser bemerken, dass der Bereich des Sterns normalerweise gar nicht zu sehen ist.
Eine massive Aluschiene mit unbedingt darunterliegender Hartpapierisolierung verdeckt den Blick auf diesen entscheidenden Leiterbahnabschnitt.
Diese Schiene hat lediglich mechanische Aufgaben, aber……
Nach Lösen der Schiene (aussen 8 Schrauben M4) von INNEN (2 M5 Schrauben mit Kabelhalter) wird der Blick auf diesen Abschnitt frei.

Und genau hier liegt das Problem:
das Löt/Durchführungspad für M4 Schraube liegt sehr nahe an der Leiterbahn TAP-DI02!!
Durch mechanischen Abrieb und allfällige Mikrobewegungen ist ein teilweiser Schluss der Leiterbahn gegen die masseführende Durchgangsbohrung/Pad vorgezeichnet.
Nach Abnahme der Schiene habe ich den Übergangswiderstand gemessen: 4kOhm!!
Treffer: hier liegt ein kaum reproduzierbarer Fehler
Das kann und darf nicht sein, und erklärt den Pegelabfall, verursacht durch eine eigentlich nicht benötigte Bahn!!
Abhilfe
Mit der plausiblen Diagnose folgte die Abhilfe umgehend:

Mit dem Dremel und feiner Spitze wird parallel zur Leiterbahn TAP-DI02 ein freigefräster Sicherheitsabstand geschaffen.

Anschliessende Versiegelung und später Auflage einer Kaptonisolierung zusätzlich zur Hartpapierisolierung.
Nach Rückbau der Schiene dann die Messung:
Widerstand Pin10 Reproamp gegen Schiene >7MOhm
Nach dem wiederholten (!!!) Komplettaufbau der Maschine war dieser spektakuläre und äußerst ärgerliche Fehler beseitigt.
Danke an die forenten des Tonbandforums, die mich nach und nach auf die korrekte Spur – abseits der Logikthematik der Maschine – gesetzt haben.